Berlin "the place to be" der Techno Szene - aber was sagt der Berliner?? Click | Click im Gespräch

Wenn es eines gibt, was sich in Berlin rasend schnell verbreitet, dann ist es die Einwohner-Gattung des DJs bzw. Live Acts, je nach dem, was für den Einzelnen wichtiger auf dem Flyer klingt. Beinahe täglich erfährt Berlin Zuwachs von dutzenden, in WGs quartierenden, selbsterklärten Ausnahmekünstlern aus aller Welt. Was den Vorteil mitbringt, dass man in Berliner Clubs so richtig schön szenig sein kann, weil man hier generell Kennenlernfloskeln wie: „was machst´n du eigentlich?“ oder „wofür interessierst du dich überhaupt so an Wochentagen?“ überspringen und zu den wichtigen Dingen kommen kann, nämlich ungezügelt über Tracks, Releases, Mixe, Clubs, Labels, Mischpulte, Traktor und Ableton Live zu philosophieren.
The Place to be für den DJ von Welt ist eben unumstritten Berlin - doch was ist mit den Berlinern, die schon seit vielen Jahren in der Stadt wohnen, ist etwa die Welt der Place to be für den DJ aus Berlin? Immerhin treten diese häufig in Scharen die Flucht nach vorne in exotische Gebiete, wie Asien und Süd-Amerika, an.
Christoph von Kassette, dessen musikalisches Alter Ego auch auf den Namen Click | Click hört, ist so ein richtiger Berliner, der zur Stadt gehört wie die Stadt zu ihm. Inzwischen tauscht er aber auch regelmäßig Watergate gegen Sonne in Brasilien für einige Wochen.
Wir haben uns mit Christoph über die großen Unterschiede und seine Gründe der Hauptstadt auch den Rücken zu kehren unterhalten, und was der große Unterschied für einen Berliner ist, wenn er mal rauskommt, aus der Stadt in die sich alles rein drängt?


  • Die Rache der grauen Baumwollmützen mit Dreitage-Bart? Ist deine Reise nach Brasilien eher als Flucht vor den F-Hain Hipstern zu sehen und du musst hier einfach mal raus oder einfach die Lust auf Neues?
Es ist eine tolle Mischung aus beidem.
Wer würde denn nicht gerne das etwas hässliche Herbst- oder Winterwetter in Berlin gegen Sonne, Strand und Wärme tauschen? Ich finde den Winter in Berlin oftmals etwas grau und trist. Die perfekte Jahreszeit, um der Sonne entgegen zu fliegen. Wenn man das dann noch mit Gigs in Clubs und Open Air Partys unter Palmen verbinden kann, ist das doch der absolute Wahnsinn!!
Ich finde es auch immer super spannend an Orten zu spielen, an denen ich noch nicht war. Jedes Publikum reagiert unterschiedlich. Das macht das Auflegen sehr interessant und bringt jedes Mal frischen Wind mit sich.
  • In häufigen Vorurteilen heißt es: jeder Berliner DJ bekommt den roten Teppich ausgerollt? Was hältst du persönlich davon, bzw. wie wichtig ist es dir, als Berliner, Musiker oder Mensch wahrgenommen zu werden und was macht letztendlich für dich einen guten Gastgeber aus?
Vielleicht ist es nicht immer gleich der rote Teppich, aber es hat manchmal gewisse Vorteile aus Berlin zu kommen. Das Wort Gastfreundschaft" wird in den meisten Fällen sehr, sehr groß geschrieben. Was aber nicht unbedingt an Berlin liegen muss.
Die Leute sollen mich hauptsächlich als Mensch/ Musiker, der gute Musik produziert/ auflegt, wahrnehmen und nicht wegen meiner Herkunft. Optimal ist es, wenn vor Ort noch das Zwischenmenschliche (abseits von Musik und Berlin) stimmt.
Ich finde es schön, als Gast nett empfangen, behandelt und umsorgt zu werden. Es ist wichtig, dass man sich in der „neuen“ Umgebung wohlfühlt. Dann macht das Auflegen am meisten Spaß, man spielt dadurch wahrscheinlich die besseren Sets und kommt auch gerne wieder an den Ort bzw. in den Club zurück.
Gerade, wenn man alleine in ein anderes Land fliegt, dessen Sprache man nicht spricht, ist es immer super einen netten Ansprechpartner zu haben, der sich um einen kümmert.
Ein guter Gastgeber merkt auch, wenn man mal für ein paar Stunden seine Ruhe braucht.
  • Du bist zwar regelmäßig auf der amerikanischen Südhalbkugel unterwegs, aber meist kommt man nicht so weit raus. Als zugezogener Berliner weiß ich noch ganz gut, wie leicht man außerhalb der Hauptstadt in spontane Berlin-Lobpreisungen verfallen kann. Ist es dir manchmal zu viel von Sätzen wie: „oh toll du kommst aus Berlin“ und wie sieht es aus, wenn manche völlig vergessen, dass der DJ nicht Berlin heißt, sondern einen Namen hat, der nicht „hier, DJ aus Berlin“ lautet?
Berlin und seine Clubs sind definitiv für jeden ein Begriff, der sich mit der elektronischen Musik beschäftigt. Viele wollen immer wissen, wie es denn in Clubs wie Watergate, Bar25 oder Berghain so ist. Oder sie erzählen, dass sie auch schon im Urlaub oder für ein Auslands-Semester hier waren und die Clubs auch kennen. Manche vielleicht nur von außen.
Mir ist aber auch aufgefallen, dass einige Veranstalter und Clubs auf den Flyern oftmals nur mit den Labels und dem Begriff „Germany“ oder „Alemanha“ werben und gar nicht mit dem Begriff „Berlin“.
  • Was hast du für Erfahrungen mit anderen Kontinenten gemacht, was sind die großen Unterschiede zur Hauptstadt Techno? Feiert man in Brasilien auch die Afterhour der Afterhour bevor es plötzlich Dienstag ist? Wie sehen die Clubs aus, in denen man es sich richtig gut gehen lässt und wie sind die Menschen dort drauf?
In Brasilien ist das etwas anders. Meistens ist da so zwischen 7 und 10 Uhr Schluss. Die Partys können aber auch mal etwas länger gehen, als in anderen Flecken der Erde. Die Brasilianer feiern gerne!!
Ich bin der Meinung, dass an keinem anderen Ort auf der Welt das ganze Jahr über(!!) so lange und exzessiv gefeiert wird wie in Berlin. Meine Erfahrung ist es auch, dass die Leute außerhalb Berlins (oder Deutschlands) teilweise etwas anders feiern. Vielleicht etwas „steifer“, weniger wild und eventuell auch etwas chicer. Was eventuell auch daran liegen kann, dass sich teilweise nur Leute aus den höheren Mittelschichten die Eintritte in bestimmte Clubs leisten können. Die sind oft wesentlich höher als bei uns.
  • Wie ist es mit dem Sound, wo liegen die Unterschiede? Wer beeinflusst wen und was sagen die Leute zu deinem Sound?
In Brasilien ist der Sound gerade sehr, sehr aktuell. Ähnlich wie in Europa.
Ich finde die Leute da teilweise sogar etwas offener als hier. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Leute meine Musik da ganz gerne mögen.
Vor 3 Jahren, als ich zum ersten Mal da war, wurde PsyTrance noch ein bisschen größer geschrieben als heute. Die ‚Mainstages’ der großen Festivals/ Open Airs werden zwar immer noch von Acts aus dem Trance Bereich bespielt. Aber ich finde es ist zu spüren, dass die ClubStages auf den Festivals mehr und mehr Aufmerksamkeit bekommen. „Sexy-Funky-Deep-Disco-House“ ist wie in Europa sehr angesagt.
Die Brasilianer sind zur Zeit sehr vom europäischen Sound beeinflusst, dort wächst gerade einiges. Es gibt viele junge brasilianische Produzenten, die momentan einen guten Lauf haben und einen steilen Aufstieg erleben.
In China ist es dagegen komplett anders. Da fängt die Szene und die elektronische Musikkultur erst an zu wachsen. Das liegt natürlich auch am politischen System. Die Leute haben weniger Möglichkeiten an westliche Musik zu kommen, als in allen anderen Ländern. Daher ist die Techno-/ House Szene noch relativ klein und überschaubar.
  • Du kommst als treuer Berliner Junge immer wieder zurück, was viele gute Gründe hat. Stellt sich bei dir trotzdem manchmal die Frage nach der Wahlheimat und was ist für dich der Grund, warum es Berlin bleibt? 
Berlin ist definitiv der richtige Ort für mich. Berlin hat einfach alles, was man sich vorstellen kann - außer Palmen, Strand & Meer. Im Vergleich zu Städten wie Sao Paulo, Shanghai, Rio oder Hong Kong ist Berlin klein, gemütlich, überschaubar, ruhig und trotzdem stets am Puls der Zeit.



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